Stellen Sie sich vor, dass es drei lange Minuten dauert, Ihre Uhr aufzuziehen. Stellen Sie sich weiter vor, dass diese Uhr eine Quarzuhr ist. Verrückt? Schauen Sie sich die Seiko 8T23-8020 Full-Charge Signal an. Wenn Sie sich an unseren ersten Artikel in der Rubrik Time Travel über die Tissot RockWatch erinnern, wissen Sie, dass wir uns auf die Fahnen geschrieben haben, Uhren aus der Zeit zwischen 1980 und den frühen 2000er-Jahren ins Rampenlicht zu rücken, die oft übersehen werden. In dieser zweiten Ausgabe bleiben wir im Bereich der Quarzuhren. Ich möchte Sie allerdings gleich warnen, dass es sich nicht um eine typische Quarzuhr handelt. Heute nehmen wir die einzigartige Seiko 8T23-8020 aus dem Jahr 1986 unter die Lupe, die den Titel der ersten Quarzuhr mit Handaufzug trägt.

Seiko 8T23-8020

Bildquelle: www.distinctivepurveyor.com

Seiko hat zwei erste Quarzuhren

Vor kurzem haben wir hier auf Fratello mit der Seiko Quartz Astron 50th Anniversary Limited Edition eine Uhr vorgestellt, die an die erste Quarzuhr von 1969 erinnert. Warum sollte Seiko mehr als ein Jahrzehnt später einen Rückschritt machen und eine Quarzuhr entwickeln, die man aufziehen muss? So wie man abgefahrene Reifen alle paar Jahre wechselte, mussten auch die Batterien von Quarzuhren in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden. Mitte der 1980er-Jahre war Quarz der Standard. Die Entsorgung der alten Batterien warf Probleme auf. Da beschlossen die klugen Köpfe bei Seiko, unsere Umwelt ein wenig zu entlasten und der Welt gleichzeitig zu zeigen, wie es ist, wieder einmal die Ersten zu sein.

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Kondensator statt Batterie

Im Jahr 1986, siebzehn Jahre nach der Einführung der ersten Quarzuhr, präsentierte Seiko Instruments Inc. ein neu entwickeltes Kaliber 8T23, das erste Quarzwerk mit Handaufzug. Das Prinzip ist ganz einfach. Wenn man die Krone dreht, lädt ein kleiner elektrischer Generator einen Kondensator auf, der anschließend in der Lage ist, das Quarzwerk mit Energie zu versorgen. Dank der handlichen Krone lässt sich der Kondensator immer wieder neu aufladen, so dass der Besitzer der Uhr sich nie wieder über eine leere Batterie ärgern muss. Man kann fast von einem Vorläufer der kinetischen Uhrwerke sprechen.

Drei Tage Energiereserve

Als ich in Peter Doensens Buch Watch: History of the Modern Wristwatch blätterte, fand ich einige Erklärungen, warum die Geschichte der Seiko 8T23 ebenso schnell endete wie sie begann. “Um den Superkondensator mit ausreichend Energie für drei Tage zu versorgen, muss man die Uhr mehrere Minuten lang per Hand aufziehen.“ Anthony Kable bestätigt dies in einem Artikel in dem er schreibt: “Die Designer legten einen Zielwert von drei Minuten Aufziehen fest, um den Kondensator von der kompletten Entladung wieder voll aufzuladen.“ Ich nehme an, dass ein Original-Handbuch der Uhr dies bestätigen würde.

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Wenn die Idee besser ist als die Ausführung

Nun ja, als Liebhaber von Vintage Uhren hätte ich wahrscheinlich kein Problem damit, meine Seiko 8T32 sogar fünf Minuten lang aufzuziehen, zumindest alle paar Wochen einmal. In einer Zeit, in der Millionen Menschen fast vergessen hatten, was es bedeutet, eine Uhr aufzuziehen, war das jedoch wahrscheinlich nicht das attraktivste Verkaufsargument. Da half auch die LED an der 6-Uhr-Position nicht, die aufblinkte, wenn der Kondensator voll aufgeladen war.

Große Krone. Große Sympathie.

Denken Sie an Zwiebeln und Piloten, wenn Sie jemand nach Uhren mit großen Kronen fragt? Von jetzt an nicht mehr. Ein einziger Blick auf diese Seiko 8T23 sorgt zuverlässig dafür, dass Sie den Anblick dieser Krone nie mehr vergessen werden können. Wir wissen bereits, dass die Entwickler sich darüber klar waren, wie lange das Aufziehen dauern würde. Mit dieser Krone wollten sie wenigstens dafür sorgen, dass sich die Mühe in Grenzen hielt. Sie ist groß, dick und hat eine angenehm strukturierte Oberfläche. Keine extravagante Form, sondern eher eine große, breite Bahn, auf der Ihre Fingerspitzen landen und abrollen können.

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Elegant oder sportlich?

Die Seiko 8T23 mit der Leuchtdiode auf dem Zifferblatt, die bei voller Aufladung blinkte, war in zwei verschiedenen Varianten erhältlich. Das Modell mit der Codenummer SBAD001 hatte Stundenmarkierungen aus Leuchtmasse statt Zahlen. Das zweite Modell mit der Codenummer SBAD003 war sportlicher und hatte zusätzlich eine Minutenskala. Vielleicht geht es nur mir so, aber wenn ich mir die anderen Modelle im Katalog daneben abschaue, ist die 8T23 der klare Gewinner.

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Ihre Form, Proportionen und das aufgeräumte Zifferblatt erinnern mich übrigens  ein wenig an die Porsche Design IWC. Bei der sportlicheren SBAD003 sind die Minutenskala und das Seiko-Logo rot. Ansonsten haben beide ein Tages- und Datumsfenster an 3-Uhr und eine Leuchtdiode zur Anzeige der vollen Aufladung an 6-Uhr. Beide Gehäuse haben einen Durchmesser von 35 mm und ein gestepptes graues Lederarmband mit signierter Dornschließe. Beide Modelle wurden seinerzeit für 28.000 Yen verkauft, 3.000 Yen mehr als Seiko für die Voice Note M516-4009 verlangte.

Erläuterungen zur Seiko 8T23. Wenigstens ein paar.

Das innovative Seiko 8T23-Werk sah einerseits aus wie eine traditionelle Quarzuhr  und andererseits wie ein Kraftwerk. Um die zugrundeliegende Technik verständlich zu machen,  behelfe ich mir mit einem Zitat von Anthony Kable: „Wenn man die Krone dreht, wird die Drehkraft durch das Antriebssystem verstärkt und zum Generator übertragen, der Wechselstrom erzeugt. Der Wechselstrom wird dann durch einen Gleichrichterschalter in Gleichstrom umgewandelt, um den Kondensator zu laden. Der Kondensator wird als Energiequelle dazu genutzt, einen integrierten Schaltkreis zu versorgen, der die verfügbare elektrische Spannung und den Aufladeprozess ermittelt. Sobald der Kondensator voll aufgeladen ist, wird der Überladungsschutz ausgelöst und die geladene LED aktiviert.“ Wenn Sie an weiteren technischen Details interessiert sind, empfehle ich Ihnen, Anthonys detaillierten Artikel zu lesen.

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Hinweis auf geringen Ladestand

Wenn die Uhr nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt wird, beginnt der Sekundenzeiger, sich in Zwei-Sekunden-Schritten fortzubewegen. Viele ETA Quarzwerke mit dieser Funktion haben ein Fünf-Sekunden-Intervall. Zieht man die Uhr dann auf, bis der Sekundenzeiger wieder normal tickt, läuft die Uhr etwa 30 Stunden lang weiter. Wenn Sie ein realistisches Gefühl dafür entwickeln wollen, kann ich Ihnen dieses Video anbieten, das ich auf Instagram gefunden habe..

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Glückliches, trauriges Ende

Wenn ich daran denke, dass diese erste Quarzuhr mit Handaufzug nur ein knappes Jahr lang produziert wurde, steigen mir Tränen in die Augen. Wenn man sich jedoch klar macht, dass Seiko sich mit dieser Technologie gewissermaßen für die nachfolgende Entwicklung des A.G.S. oder Automatic Generating System – das später Kinetic System genannt wurde – warmgelaufen hat, gibt es keinen Grund mehr, zum Taschentuch zu greifen. Was Design und Technik anbelangt, ist dieses Kleinod ein kleines Wunder. Sie ist nicht nur die erste, sondern wahrscheinlich auch die einzige Quarzuhr mit Handaufzug. Ich hoffe deshalb, bald ein Exemplar zu finden, dem ich in meiner Sammlung skurriler Uhren ein neues Zuhause bieten kann.