In unserer Interview-Reihe auf fratello.de stellen wir Ihnen verschiedene Uhrenenthusiasten vor. Heute ist es Jörg.

Daniel Müller: Kannst Du dich kurz vorstellen und wie Du zum Thema Uhren gekommen bist?

Jörg: Mein Name ist Jörg, ich bin 1970 geboren worden, wohne in Düsseldorf und arbeite in der Sportbranche.

Es gibt 2 Geschichten wie ich zu Uhren gekommen bin:
Zum einen hat mein Sportlehrer bei einem Sprung vom 10m-Brett seine Uhr getragen und mir als Schüler mit ca. 12 Jahren mit Wasserschaden überreicht. Ich habe sie getrocknet und dann stolz getragen – danach gab es eine große Lücke mit dem Hype um Swatch in den 80er und 90ern und leider habe ich die Uhr meines Lehrers darüber verloren, dafür besitze ich noch mehr als 50 Swatch Uhren, alle neu und in der Sammlervitrine, schön anzuschauen aber mittlerweile untragbar und fast wertlos…

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Zum anderen sind mir irgendwann um 2000 immer mal wieder sehr cleane schwarz-weiße Uhren aufgefallen. Meistens an Menschen mit Rolli und Saab Cabrio und nein, es waren damals noch keine Speedmaster, dafür sehr schöne IWC Fliegerchronographen.

So was wollte ich auch haben! Nur das Budget war ja gerade erst den Swatch-Uhren entwachsen…

Ein Uhrenfreund mit mehr Erfahrung hat mich zu jener Zeit auf Sinn Spezialuhren in Frankfurt aufmerksam gemacht und ich hatte das große Glück einen Sinn Fliegerchronographen 356 in der limitierten Version „40 Jahre Sinn“ kaufen zu können.

Der Fliegerchrono hat ein für limitierte Uhren reserviertes graues Zifferblatt und ist ein absoluter Klassiker in meinen Augen – das beste an der Uhr: ich konnte Herrn Sinn noch persönlich kennenlernen und mehrere Freunde besitzen die gleiche Uhr, die meisten davon habe ich ihnen besorgt und so bin ich weiter in das Thema Uhren reingerutscht.

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DM: Was ist eine besondere Uhr in deiner Sammlung und warum? 

J: Im Grunde habe ich nur besondere Uhren: die erste, die zur Hochzeit, zur Geburt des Sohnes, zum Geburtsjahr oder die beiden SpeedyTuesdays wegen der herausragenden Community.

Ganz besonders ist sicher meine Speedmaster aus dem Geburtsjahr meines Sohnes im Jahr 2004.

Der Deal ist, dass er sie bekommt, wenn er größer als ich ist oder 18 wird. Naja, größer ist er seit letztem Jahr, aktuell trägt er aber doch lieber noch eine Apple Watch oder auch mal eine Seiko – aber er freut sich auf die Uhr, die mittlerweile ein Snoopy Zifferblatt trägt.

An sich stehe ich nicht auf Umbauten, allerdings hatte ich die Snoopy damals in einer Omega Boutique gekauft und mir wurde sie leider durch viele „falsche Uhrenfreunde“ so madig gemacht, dass ich sie verkauft habe. Im Jahr 2020 habe ich nun das Snoopy Zifferblatt gekauft (zum Preis meiner ersten Uhr) und verbauen lassen – ganz ohne schlechtes Gewissen, die Uhr ist für die Familie und nur wir befinden darüber!

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DM: Magst Du moderne oder Vintage-Uhren?

J: Ich verbinde Uhren mit Ereignissen und da diese immer aktuell sind, sind auch die Uhren dazu aktuell.
Meine Uhren werden zudem von allein alt…

Ausnahme ist meine Speedmaster aus meinem Geburtsjahr 1970, zufällig das Jahr nach der Mondlandung, aber auch der fehlgedruckten Lünetten (statt 225 steht dort 220)…diese Uhr gab es nur ca. 3 Monate und ich bin genau in diese Periode hineingeboren worden – es stellte sich durch den Archivauszug bei Omega heraus, dass meine Uhr nur 3 Wochen jünger ist als ich.

DM: Wenn Du keine finanziellen Einschränkungen hättest, was wäre deine drei-Uhr Traumkollektion? 

J: Rolex Explorer 2 – die perfekte Reiseuhr. Begleitet mich seit 2003.
Omega Speedmaster – spiegelt mich am meisten als Typ wider. Begleitet mich seit 2004.
Rolex Day-Date 40 in Weißgold – zum Thema finanzielle Einschränkungen ist damit alles gesagt.

DM: Magst Du Komplikationen bei Uhren und wenn ja, welche ist dein absoluter Favorit? 

J: Am Anfang war es die GMT Funktion, da ich viel in der Welt unterwegs bin. Da habe ich allerdings mein Setup mit der sehr verlässlichen Rolex Explorer 2 gefunden und daher habe ich da nie weitergesammelt. Zudem mag ich Uhren, an denen man nichts einstellen muss, außer der Uhrzeit.

Später kam dann die Faszination für Chronographen dazu. Als gelernter Sportwissenschaftler und ehemaliger Athlet ist das einfach meine Komplikation, auch wenn ich selten etwas wirklich mit einer mechanischen Uhr stoppe.

Eine Stoppuhr am Handgelenk mit ultra aufgeräumten Blatt – das kickt mich!

DM: Hast Du eine Gralsuhr und kannst Du uns etwas über sie erzählen? 

J: Das wechselt immer mal wieder und ich lasse mich auch gerne verführen, daher ist es aktuell die am 05. Oktober 2020 erscheinende Omega Speedmaster Snoopy, ohne zu wissen, wie sie aussehen und was sie kosten wird…aber ich werde 50 im Oktober und welche Uhr könnte den Kreis zur Snoopy 2004 besser schließen?

DM: Was sind deine Vorlieben und Abneigungen gegenüber der heutigen Uhrenindustrie? 

J: Ich stehe auf echte Marken, die ihre Werte behalten, aber zeitgemäß bleiben.

Was ich gar nicht mag sind Trends. Mal werden die Uhren größer, dann wieder kleiner – Klassiker werden immer überleben. Was ich auch nicht mag ist das Spiel „Preise anheben – Werke billiger einkaufen“ und übers Marketing eine Scheinwelt vorgaukeln – das ist nicht seriös und auf Dauer nicht gut für alle!

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Ich stehe auf die Menschen dahinter und da gibt es sympathische Marken und Macher und auch Marken, wo ich nie eine Uhr kaufen würde.

Meine erste Uhr bei Sinn im Direktvertrieb hat direkt eine Bindung dorthin aufgebaut, ein Besuch bei Nomos in Glashütte reicht und schon erkennt man den Wert der Handarbeit und Omega ist für mich aktuell der sichere Hafen: tolle Typen hinter der Marke, Klassiker im Produkt und eine tolle Community über die Fratello Gang.

DM: Welche Uhrenmarke wird deiner Meinung nach unterschätzt und unterbewertet? 

J: Longines macht einen mega Job und ist leider in der Swatch Group nur in der unteren Mitte positioniert. Die Big Eye zum Beispiel ist eine großartige Uhr für verhältnismäßig kleines Geld.

Auch Omega und die Speedmaster sind immer noch viel zu weit unten positioniert. Die Daytona ist aufgrund ihrer Produktionslimitierung gehypt, wie alle Rolex Stahl-Sportmodelle, aber wenn man mal ehrlich draufschaut ist eine Speedmaster zum halben Preis für mich mehr Wert: Historie, innere Werte, Lieferumfang, Community, Kontinuität und vieles mehr.

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DM: Wann hast du Fratello zum ersten Mal gelesen und was magst du daran?

J: So richtig aufmerksam geworden auf Fratello bin ich durch die SpeedyTuesday in 2017. Seitdem bin ich Fan und lese und lerne viel. Zudem schafft es Fratello eine Community zusammenzuhalten. Nicht nur virtuell, sondern auch durch Events und manches Mal auch kleinere Treffen. Man spürt das Herzblut bei allen Fratelli und vor allem die jahrelange Erfahrung, von der ich gerne profitiere.

DM: Zum Abschluss: Was würdest du Leuten, die neu in das Thema Uhren und Uhren sammeln eintauchen, als Ratschlag mit auf den Weg geben? 

J: Schaut nicht auf das Wertsteigerungspotenzial einer Uhr! Die Uhr muss euch gefallen und wenn dem so ist, warum beschäftigt ihr euch vor dem Kauf schon mit dem Verkauf? Verbindet Uhren mit Ereignissen, auch das schützt euch vorm Flippern (ständiges An- und Verkaufen von Uhren). So schafft ihr Erinnerungen und eigene Werte! Bleibt in eurem Budget-Rahmen, es gibt großartige Uhren in allen Preislagen. Lest viel und profitiert von anderen, aber: Hört nie auf andere, nur auf euch!

Sie können Jörg hier auf Instagram folgen @watchnonsens.