Die Royal Oak Offshore wurde 2018 25 Jahre alt. Audemars Piguet präsentierte diese innovative Uhr zum ersten Mal auf der Basler Uhrenmesse 1993. Allerdings hatte es eine ganze Weile gedauert, bis es soweit war.

Wir haben uns in einem ländlichen Bereich der Niederlande mit einem Sammler von Audemars Piguet Royal Oak Offshore-Modellen getroffen. Er sammelt nicht nur Offshore-Uhren, sondern hat auch die holländische Gin-Marke „Skully” gegründet. So ist allein schon die Flasche Skully auf dem Tisch die Reise wert. Bert und ich kannten den Gin zwar nicht, sind aber vom einzigartigen Aroma begeistert. Bert ist übrigens für die Fotos verantwortlich. Der Tag wird noch besser, als der Kasten mit den Royal Oak Offshore-Uhren zum Vorschein kommt. Das sieht nach einem ziemlich coolen Nachmittag aus. Wir konzentrieren uns heute auf die Original-Offshore, die ihren Spitznamen „The Beast” ihren Proportionen zu verdanken hat. Die waren nämlich für damalige Verhältnisse ziemlich beeindruckend. Audemars Piguet hat die Offshore seit 1993 in vielen Varianten vorgestellt. Wir befassen uns heute mit der Referenz 25721ST und ihren direkten Nachfolgern.

Royal Oak Offshore

Die Royal Oak Offshore 25721ST im vollständigen Set

25 Jahre Audemars Piguet Royal Oak Offshore

1989 – 1993 Urquhart und Gueit

Fangen wir am besten von vorne an. 1993 schlägt die Royal Oak Offshore wie eine Bombe ein. Die Geschichte dieser Uhr beginnt allerdings schon 4 Jahre früher.

Es ist nicht einfach, eine Uhr komplett neu zu entwickeln. Es wirft einfach eine Menge Probleme auf, wenn man auf der Basis eines bestehenden und erfolgreichen Konzepts etwas neu gestalten soll. Eigentlich kann man es nur falsch machen. Diese undankbare Aufgabe wurde damals Emmanuel Gueit übertragen, der als junger Designer bei Audemars Piguet arbeitete. Audemars Piguet Co-CEO Stephen Urquhart bat Gueit bereits 1989, für das jüngere Publikum eine neue Version der Royal Oak zu entwerfen. Urquhart wechselte später als CEO zu Omega. Gueit schwebte eine sehr maskuline Uhr vor. Ihm war aufgefallen, dass immer mehr Frauen Männeruhren trugen. Er wollte eine typische Männeruhr entwerfen, mit riesigen Proportionen. Sie sollte so groß sein, dass Frauen diese Uhr weder kaufen noch tragen würden. Urquhart hatte den jungen Designer zwar damit beauftragt, etwas für die jüngere Generation zu schaffen, war allerdings nicht ganz auf das Ergebnis vorbereitet. Eine stattliche Royal Oak mit beeindruckenden Proportionen und sichtbaren Dichtungen. Obwohl Urquhart die Uhr mochte, stellte er die Markteinführung der neuen Royal Oak um einige Jahre zurück. Die Nachfrage nach dünnen Quarzmodellen war ungebrochen. Diese neue, extreme Version der Royal Oak könnte ein Eigentor werden. Anfangs sollte das neue Design anlässlich des 20-jährige Jubiläums der Royal Oak im Jahr 1992 vorgestellt werden. Nachdem auch das nicht klappte, bekam das interessierte Publikum sie dann endlich 1993 zu sehen. Zuerst präsentierten Audemars Piguet die Uhr ohne den Zusatz „Offshore” – man wollte die ersten Reaktionen abwarten. Die ersten 100 Modellen der Audemars Piguet Royal Oak Offshore zeigen lediglich die Gravur „Royal Oak” auf der Gehäuserückseite. Ab der Nummer 101 tragen die Uhren dann die Gravur „Royal Oak Offshore”.

Royal Oak Offshore

Royal Oak Offshore mit der Gravur „Royal Oak”.

Die Royal Oak Offshore 25721 von 1993

In der Uhrenbranche betrachtete man die Royal Oak Offshore als einen Fehler. Genauso wie 1972 bei der Vorstellung der Royal Oak, hielten auch jetzt viele Leute das Unternehmen für verrückt. Sogar Gérald Genta mischte sich ein und beklagte, dass Audemars Piguet aus seiner wunderschönen Royal Oak ein Ungetüm gemacht hätte. Das erscheint nicht wirklich gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass seine Entwürfe der Royal Oak und Nautilus in den 1970er-Jahren wahrscheinlich ähnliche Kommentare konservativer Sammler einstecken mussten. Natürlich war auch diesmal Italien bei den Verkaufszahlen der Royal Oak Offshore führend. Wie immer eigentlich. Die restliche Welt zog etwas später nach. Nur wenige Jahre später erwirtschaftete die Royal Oak Offshore einen Großteil des Umsatzes.

 

Royal Oak Offshore

Die erste mit der Referenz 25721ST, auch unter dem Spitznamen „The Beast” bekannt, war ihrer Zeit weit voraus. Ein voluminöses, etwa 16 mm starkes Gehäuse, mit Kautschuk überzogene Krone und Drücker und eine Sichtdichtung zwischen Gehäuse und Lünette. Das sind selbst heute außergewöhnliche Designelemente. Die erste Royal Oak Offshore war mit einer Abschirmung nach dem Prinzip des Faradayschen Käfigs ausgestattet, um eine Magnetisierung des Uhrwerks zu verhindern. Unter dem Zifferblatt befand sich eine Weicheisenplatte. Weicheisen umhüllte auch das das Innengehäuse, um das Kaliber 2126/2840 vor Magnetfeldern zu schützen. Das Werk basierte auf dem häufig verwendeten Kaliber Jaeger-LeCoultre 888, ergänzt durch ein Chronographen-Modul von Dubois-Depraz. Nach Fertigstellung der ersten 200 Uhren baute Audemars Piguet in die Royal Oak Offshore das Kaliber 2226/2840 ein, das auf der Jaeger-LeCoultre 889/1 mit dem Chronograph-Modul von Dubois-Depraz basierte. Die komplette Uhr, inklusive des schweren Edelstahlarmbands, wiegt ca. 223 Gramm. Das ist nichts für Zartbesaitete. Die Gold- und Platinmodelle der späteren Generationen sind sogar noch schwerer.

Royal Oak Offshore

Die Uhr von Emmanuelle Guiet mit der Nummer 039, die kürzlich von Phillips versteigert wurde.

Hier fallen sofort die sichtbare Dichtung unter der achteckigen Lünette sowie die Drücker und die Krone aus kautschukartigem Material ins Auge. Das verwendete Material heißt Therban und ist ein Hochleistungselastomer, das unter anderem gegen sehr heißes Wasser und Dampf resistent ist. Das Material ist extrem temperaturbeständig. Es verträgt Temperaturen von -45 °C bis +165 °C, maximal bis  zu 180 °C. Das Material wurde 1975 von Bayer entwickelt und wird seit 1986 unter dem Namen Therban vermarktet. Drücker und Krone aus Therban sind im gleichen Blau gehalten wie das Zifferblatt.

D/E/F-Serie

Der Zeitrahmen für die Produktion einer Royal Oak Offshore-Serie wird oft als [X]-Serie bezeichnet. Der Buchstabe, hier das [X], verweist auf bestimmte Herstellungsjahre. Die Royal Oak Offshore Referenz 25721 beginnt als D-Serie. Die Produktion der zur D-Serie gehörenden Uhren von Audemars Piguet beginnt bereits 1992. Die Royal Oak Offshore kam jedoch erst 1993 auf den Markt. Die erste an „The Beast” vergebene Nummer ist die D23744, die letzte Uhr trägt die Nummer D97184. Diese Reihen verwendet Audemars Piguet allerdings auch für andere Uhren. Die letzte D-Serie wurde 1998 hergestellt. Während dieses Zeitraums stellte Audemars Piguet in der D-Serie 1.300 Uhren mit der Referenz 25721ST her. Die Produktion dieser Uhren erfolgte in kleineren Chargen (200-100-200-300-200-100-200) mit einer Gesamtzahl von 1.300 Stück.

Royal Oak Offshore

D-Serie (rechts) und E-Serie (links) nebeneinander

Die Produktion der E-Serie begann 1998 und endete 2004. Die Auflage der Royal Oak Offshore 25721ST stieg von 1.300 auf 2.300 Stück (in kleineren Chargen von 100-200-100-200-600-200-200-200-500). Im Jahr 2005 kam die F-Serie auf den Markt. Hier fehlt es allerdings an Logik (jedenfalls für uns).

Interessant ist, dass sich die D-Serie und die E-Serie leicht unterscheiden. Die Unterschiede fallen allerdings nicht unmittelbar auf. Auf dem Gehäuseboden der ersten 100 Uhren fehlt das eingravierte Wort „Offshore”. Die ersten 200 Uhren haben ein anderes Uhrwerk; das Tapisserie-Muster des Zifferblatts ist leicht abgeändert und auch das Armband wurde im Laufe der Jahre aktualisiert. Die ersten Modelle verfügten im Vergleich zu späteren Modellen über eine eher einfach funktionierende Schließe. Die Armbandglieder sind auch unterschiedlich. Die Glieder der D-Serie verfügen über 4 Schrauben (2 pro Seite). Ab der E-Serie wurde die Anzahl auf zwei Schrauben (1 pro Seite) reduziert.

Royal Oak Offshore

Unterschiedliche Glieder von der D- zur E-Serie

Eines der ersten Modelle der Royal Oak Offshore 25721ST mit der Nummer 039 wurde im letzten November von Phillips zum stolzen Preis von 102.500 CHF versteigert. Dieser Uhr fehlte die Gravur „Offshore” auf der Rückseite des Gehäuses. Was den Preis aber so richtig nach oben trieb, war ihr ehemaliger Besitzer. Sie gehörte Emmanuel Gueit, dem Mann, der „The Beast” entworfen hatte. Das drückte sich auch in der veränderten Schließe aus. Sie war so geformt, wie es sich Gueit ursprünglich für diese Uhr gedacht hatte.

20. Jahrestag

Anfang des Jahres feierte anlässlich der SIHH in Genf und des 25. Jubiläums dieser Uhr die neue Royal Oak Offshore ihre Premiere. Aber befassen wir uns erst einmal mit der Royal Oak Offshore, die Audemars Piguet im Jahr 2013 anlässlich des 20. Jubiläums präsentiert hatte. Die limitierte Stückzahl von nur 20 Stück bringt die Referenz 26218ST sehr nah an das Modell von 1993 heran. Ihr Herzstück war das Kaliber 3126 / 3840, der Chronographen-Mechanismus ein Zusatzmodul von Dubois-Depraz. Das von Audemars Piguet entwickelte Basiskaliber ist ein Manufakturwerk. Die Vorgängermodelle basierten alle auf JLC. Das Werk besteht aus 365 Teilen und verfügt über einen wunderschön verzierten Rotor aus 22-karätigem Gold. Wie das berühmte AP Kaliber 2121 (das nicht in der 15202ST eingebaut ist), hat die Uhr eine Gyromax-ähnliche Unruh. Variable Spiralklötzchen auf der Unruh sorgen für ein feinreguliertes Gangverhalten.

Royal Oak Offshore

Ausgabe zum 20. Jubiläum

Die Gehäuserückseite besteht aus Saphirglas und ermöglicht so eine ungehinderte Sicht auf das Uhrwerk. Bei diesem Modell wurde zusätzlich das Armband geändert und mit einer modernen Schließe versehen.

Royal Oak Offshore

Sogar das Äußere der Uhrenetuis wurde im Laufe der Jahre umgestaltet (siehe unten). Die ersten Modelle der D- und E-Serien wurden in charakteristischen achteckigen Boxen geliefert. Für alle anderen Versionen der Royal Oak wurde das übliche Holzetui verwendet. Das im Jahr 2013 anlässlich des 20. Jubiläums der Royal Oak Offshore herausgegebene Box Set ist auf der Oberseite mit einem speziellen Medaillon versehen, das auf das Ereignis hinweist.

Uhrenetui: (im Uhrzeigersinn) 20. Jubiläum, spätere E-/F-Serie, (achteckig) D-Serie

Das aktuelle „Beast” – 26237ST

Royal Oak Offshore

Das aktuelle „Beast”, Referenz 26237ST

Zum 25. Jubiläum der Royal Oak Offshore legte Audemars Piguet „The Beast” noch einmal neu auf und gab der Uhr die Referenz 26237ST. Interessanterweise hat man bei dieser 42 mm Uhr nicht das Gefühl, dass ihr Design bereits 25 Jahre alt ist. Wenn man es nicht besser wüsste, dann könnte diese Uhr auch aus der aktuellen Kollektion von Audemars Piguet stammen. Die Größe von 42 mm ist heutzutage nicht mehr so extrem und ungewöhnlich wie noch vor 25 Jahren. Allerdings ist die Uhr auch nicht altmodisch. Ihr Herzstück ist immer noch das gleiche Werk, dass auch für die Version zum 20. Jubiläum verwendet wurde: das AP Kaliber 3126 / 3840. Auch das Modell mit dieser neuen Referenz hat, in Anlehung an die ursprüngliche 25721ST, einen Gehäuseboden aus Edelstahl. Auf dem Boden sind der Schriftzug „Royal Oak Offshore” und die Seriennummer eingraviert. Das ist eventuell eine Enttäuschung für alle Uhrenliebhaber, die den Anblick des Uhrwerks mit dem 22-karätigen Goldrotor lieben. Die Puristen werden das geschlossene Gehäuse wegen seiner Anlehnung an das Original jedoch wohl vorziehen. „The Beast” ist zurück, und zwar als Standard-Produktionsmodell und nicht als limitierte Auflage. Diese Uhr ist ein Abbild der Original-25721ST, allerdings mit einem leicht vergrößerten Druck auf dem Zifferblatt.

Die Royal Oak Offshore ist eine Ikone und steht damit auf einer Stufe mit der Royal Oak „Jumbo”, die sich im Laufe von mehr als 40 Jahren von den ersten 5402ST-Modellen bis zu den aktuellen 15202ST-Modellen entwickelt hat. Im Vergleich zu anderen Uhren mit Klassikerstatus, die bereits viel länger auf dem Markt sind, ist die Offshore eine recht junge Ikone. Nicht jeder war anfangs von dieser Uhr überzeugt, Gérald Genta eingeschlossen. Letztendlich empfanden jedoch sowohl Audemars Piguet als auch viele Uhrenliebhaber die Royal Oak Offshore als einen echten Treffer. Die Offshore-Kollektion wurde sogar irgendwann zur umsatzstärksten Kollektion für den Hersteller aus Le Brassus. Wahrscheinlich ist sie das noch heute. „The Beast” ist vermutlich immer noch die ungeschliffenste Version der vielen von Audemars Piguet im Laufe der letzten 25 Jahre entworfenen Royal Oak Offshore-Modelle. Dazu gehört auch eine Damenuhr mit 37 mm Durchmesser. Das hatte sich Emmanuel Guiet 1993 sicherlich so nicht vorgestellt. Zur Kollektion gehören auch 42 mm Taucheruhren (keine Chronographen), 44 mm Chronographen und 45 mm Tourbillon Chronographen. „The Beast” allerdings ist und bleibt das Original. Und jetzt ist sie wieder da.

 

Royal Oak Offshore

Wir möchten uns an dieser Stelle bei Koen Smulders bedanken, der uns seine Royal Oak Offshore-Kollektion für Fotos zur Verfügung gestellt und uns mit seinem umfangreichen Wissen bereichert hat.

Weitere Informationen über die Royal Oak Offshore-Kollektion von Audemars Piguet finden Sie hier.

Royal Oak Offshore Gallerie

D-Serie

E-Serie

20. Jahrestag

2018 – The Beast (26237ST)