Bert Buijsrogge ist professioneller Uhrenfotograf und wird Ihnen heute einige Tipps und Tricks verraten. Probieren Sie sie einfach aus und lassen Sie sich vom Ergebnis überraschen! Bert hat für ein Fotomagazin bereits einen vergleichbaren, wenn auch allgemeiner gehaltenen Artikel verfasst, dessen Inhalt er heute an all diejenigen weitergeben möchte, die gerne Fotos von ihren Uhren machen.

Darf ich mich kurz vorstellen?

Mein Interesse an der Uhrenfotografie begann vor vielen Jahren mit meiner Suche nach Informationen über mechanische Uhren. Neben den gewünschten Informationen fand ich in diversen Uhrenforen auch sehr viel Wissenswertes darüber, wie man Uhren fotografiert. Das ist mittlerweile 10 Jahre her. Seitdem habe ich viel gelernt und viel fotografiert. Meine Fotos zierten die Titelseiten von Magazinen und waren Aushängeschilder offizieller Werbekampagnen von Uhrenmarken. Und ich fotografiere viel für Fratello. Jetzt aber zu den versprochenen Tipps.

Uhrenfotografie 101

Meinen Anfängen als enthusiastischer Freizeitfotograf folgten Jahre endlosen Experimentierens. Sie waren geprägt von ständiger Selbstkritik und der Suche nach Verbesserungen.   5 Jahre später konnte ich bereits 3 Uhrenkalender in mein Portfolio aufnehmen. Meine Fotos wurden in einigen (Uhren-) Magazinen veröffentlicht, und ich hatte mein erstes Titelbild. Viele Leute fragten mich nach der besten Kamera für Uhrenprojekte, welches Objektiv ich verwende und vieles andere mehr. Natürlich kann ich alle diese Fragen beantworten. Aber das eigentlich Interessante ist doch die Frage, wie man ein gutes Foto von einer Uhr macht. Für ein gutes Foto braucht man sehr viel mehr als eine gute Kamera und gute Objektive. Die folgenden zehn einfachen Tipps helfen Ihnen dabei, aus Ihren Schnappschüssen Profimaterial zu machen.

1 – Tripod (Dreibeinstativ)

Verwenden Sie grundsätzlich ein Stativ, damit die Fotos nicht verwackeln. Mit jedem Zentimeter, den Sie näher an das Objekt herangehen, werden Verwacklungen sichtbarer. Auch das geringste Wackeln wirkt sich auf die Bildschärfe aus. Nicht jedes Stativ steht absolut fest. Manchmal führt schon die durch das Aufklappen des Spiegels verursachte Vibration zu einer Verminderung der Bildschärfe. In solchen Fällen sollten Sie die Spiegelvorauslösung der Kamera verwenden. Wenn Sie diese Funktion aktiviert haben, klappt der Spiegel auf, die Kamera löst aber erst mit Verzögerung aus (oder nachdem Sie ein zweites Mal auf den Knopf gedrückt haben). Dadurch wirkt sich die Spiegelvibration nicht auf die Bildschärfe aus. Vergewissern Sie sich auch, dass alle Tasten, Griffe und Klemmen fest sind, und lösen Sie am Besten per Fernbedienung oder Auslöseverzögerung aus. Falls Ihr Stativ über eine Mittelsäule mit Haken verfügt, sollten Sie es zusätzlich beschweren, damit es stabiler steht.

Tripod in watch photography

Ich verwende ein Stativ eigentlich, so oft ich kann und für alle Arten von Fotografie. Beispielsweise für dieses Visier-Selfie, das ich während eines Besuchs im Omega Museum aufgenommen habe.

2 – Accessoires

Vor dem Beginn des eigentlichen Fotoshootings sollten Sie sich um entsprechende Accessoires oder Requisiten kümmern, mit deren Hilfe Sie die Uhr gekonnt in Szene setzen können. Der Uhrentyp und die von Ihnen angestrebte Aussage des Fotos bestimmen die Requisiten. Holen Sie sich beispielsweise Meersalz oder Kaffeebohnen aus der Küche. Alte oder wettergegerbte Materialien oder Rohstoffe eignen sich ebenfalls hervorragend als Hintergrund und/oder Ablagefläche. Ein (Garten-) Tisch aus Holz, eine Schieferplatte oder ein Stein lassen sich gut mit Uhren kombinieren. Leihen Sie sich eine Taucherausrüstung oder nur ein paar Teile, um eine Taucheruhr zu fotografieren. Letztendlich schränkt Sie bei der Auswahl des Hintergrundes nur Ihre eigene Kreativität ein. Manchmal möchte man eine Uhr vor einem schlichten, einfachen und minimalistischen Hintergrund präsentieren. Dann sollten Sie andere Objekte und/oder deren Schatten auf dem Foto vermeiden. (Unten sehen Sie eine Longines Master Collection Moon Phase, die ich für diese Uhrenrezension fotografiert habe)

Longines Master Collection - Watch Photography

3 – Reinigung

Reinigen Sie die Uhr so gründlich wie möglich, bevor Sie mit dem Fotoshooting beginnen. Verwenden Sie dafür trockenes, fusselfreies Material oder ein Mikrofasertuch. Gehäuseecken und schwer zugängliche Stellen lassen sich leicht mit Wattestäbchen reinigen, die mit etwas Aceton oder Alkohol getränkt sind. Beides ist nicht teuer und in Ihrer Apotheke vorrätig. Achten Sie darauf, dass Sie bei der Reinigung nicht mit dem Lederarmband in Berührung kommen! Die Flüssigkeiten können zu Verfärbungen führen oder das Leder beschädigen. Verwenden Sie zur Reinigung des kleinen Spalts zwischen Gehäuse und Armband einen Pinsel. Es ist eigentlich fast unmöglich, eine Uhr vollständig von Verunreinigungen und Staub zu reinigen. Das ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Mit der heutigen Technik können Staubreste und minimale Verunreinigungen jedoch digital entfernt werden. Unterschätzen Sie allerdings nicht den Zeitaufwand für diese digitale „Reinigung”, falls die Uhr nicht richtig sauber ist. Vorbeugen ist besser.

Watch Photography - Editing

Sie können eine Uhr solange putzen, wie Sie wollen – auf dem Foto ist immer Staub zu sehen, den Sie digital entfernen müssen. Jeweils eine Abbildung vor und nach der Staubentfernung per Bildbearbeitung. Zum Vergrößern anklicken.

4 – Zeiger

Auf fast jedem kommerziellen Uhrenfoto stehen der Stunden- und Minutenzeiger ungefähr auf 10 Minuten nach 10. Der Sekundenzeiger steht auf dem Zifferblatt entweder oben oder unten in der Mitte. Die Uhr erscheint dadurch symmetrisch und der Abstand zwischen den Zeigern ist gleichmäßig jeweils ein Drittel. Falls Ihre Uhr über einen Sekundenstopp verfügt, können Sie das Uhrwerk durch Herausziehen der Krone anhalten, sobald der Sekundenzeiger in der richtigen Stellung ist, und dann die Stunden- und Minutenzeiger einstellen. Die Krone kann dann später per Bildbearbeitung eingedrückt werden. Falls Sie weder über die entsprechende Software noch über eine Uhr mit Sekundenstopp verfügen, müssen Sie die Uhrzeit entsprechend vorstellen. Und warten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Denken Sie aber bitte daran, keine langsame Verschlusszeit einzustellen, damit das Bild nicht verwackelt. Bei Chronographen werden die Zeiger der Hilfszifferblätter oftmals nach oben gestellt oder in eine Richtung, die den Blick auf das Zifferblatt am geringsten beeinträchtigt. (Das nachstehende Beispiel zeigt eine Omega Speedmaster ’57 Kaliber 9300.)

Omega Speedmaster '57 - Watch Photography

5 – Bildkomposition

Befassen wir uns jetzt einmal mit dem Arrangement von Uhr und Accessoires. Für ein attraktives Gesamtbild ist es wichtig, sich im Detail mit der Verwendung der Accessoires und deren Zusammenspiel mit der Uhr zu befassen. Hier braucht man Geduld und Phantasie. Manchmal passt alles gleich zusammen. Meistens muss man aber mindestens eine halbe Stunde einplanen, bis alles stimmt. Für die Stellung der Zeiger hatte ich ja bereits einige Tipps gegeben. Ein geschlossenes Armband sieht am besten aus, weil es wie am Handgelenk getragen wirkt und so die Optik der Uhr im getragenen Zustand widerspiegelt. Lederarmbänder lassen sich verhältnismäßig natürlich in diese Form bringen. Metallarmbänder sollten anders präsentiert werden. Dies gilt besonders für kleingliedrige Modelle. Drapieren Sie die Uhr am besten auf einem halboffenen Uhrenständer, um die Länge des Armbands beliebig und leicht einstellen zu können. Achten Sie bei Aufnahmen von offenen Lederarmbändern darauf, dass das Armband nicht höher liegt als das Gehäuse. Legen Sie das Armband flach hin oder drehen Sie die beiden Teile leicht nach hinten, das ist sogar die bessere Taktik. Legen Sie etwas unter das Gehäuse, damit die Armbandenden niedriger angeordnet werden können. Sie können die Uhr auch auf die Seite legen und die Armbandenden dann leicht nach hinten falten. Die meisten Metallarmbänder haben eine Faltschließe. Wenn Sie die Schließe teilweise oder komplett öffnen, können Sie ein Metallarmband mit Geduld und Fingerspitzengefühl wunderbar drapieren. Die Uhr muss so dargestellt werden, dass der Text auf dem Zifferblatt (einfach) lesbar ist. Hier gilt die Faustregel, dass der Text bis zu 90 Grad gedreht werden kann. Dreht man ihn weiter, steht er auf dem Kopf und kann nicht mehr normal gelesen werden. Auf dem Gehäuseboden sind oftmals weitere Worte oder Textzeilen eingraviert. Wenn Sie Ihr Foto auf die Mitte des Gehäusebodens zentrieren, lässt sich der komplette Text problemlos lesen. Sie können die Uhr allerdings auch so fotografieren, dass die interessantesten Aspekte herausgearbeitet werden.

TWCO Air Controller - Watch Photography

Für dieses Foto habe ich die Uhr vor einem Gentex Pilotenhelm und einer Fliegermontur fotografiert.

6 – ISO

Stellen Sie auf Ihrer Kamera einen niedrigen ISO-Wert ein. Moderne Kameras verfügen über immer bessere und höhere ISO-Einstellungen. Das hört sich zwar praktisch an, geht allerdings in der Praxis auf Kosten der Bildschärfe. Hier kommt das Stativ zum Einsatz. Wenn Sie die Kamera stabilisieren, spielt die Verschlusszeit keine Rolle, da sie ein statisches Objekt fotografieren. Die Auswahl der Blende richtet sich nach der Tiefenschärfe, die Sie erzielen möchten.

7 – Diffuses Tageslicht

Die meisten Uhren lassen sich problemlos in diffusem Licht fotografieren. Stark bewölktes Wetter ist absolut perfekt für Uhrenfotografie. Uhren werden bei Aufnahmen im Außenbereich gleichmäßig ausgeleuchtet. Wenn man dann noch darauf achtet, dass der Hintergrund nicht zu unruhig ist, bekommt man perfekte Bilder. Für den Innenbereich muss man komplett umdenken. Verwenden Sie ein helles Objekt, an dem das Licht reflektieren kann. Hier ist weniger definitiv mehr. Nehmen Sie etwas Weißes oder neutral Hellgraues, beides ist nicht farbstichig. Ich verwende diese Technik für fast jedes Foto, einfach, um das Objekt besser aussehen zu lassen. Dabei ist es egal, was ich gerade zur Verfügung habe, einen Umschlag, eine leere Schachtel vom letzten Take-Away oder die Aluminium-Rückseite meines Macbooks. Legen Sie die Uhr auf einen Tisch in Fensternähe, platzieren Sie das reflektierende Objekt auf der Schattenseite der Uhr und warten Sie ab, was dabei herauskommt. Im Grunde genommen erzeugen Sie eine zweite Lichtquelle. Schieben Sie den Reflektor beliebig hin und her und bestimmen Sie damit den Grad der Aufhellung. Das ist fast so, als ob Sie etwas mit Licht anpinseln würden. Umgekehrt können Sie durch dunkle Objekte Schatten und eine allgemein dunklere Optik erzeugen.

Photo set-up - Watch Photography

Lichtreflexion mithilfe weißer Objekte.

8 – Künstliches Licht

Der nächste Schritt ist der Einsatz von künstlichem Licht bei der Uhrenfotografie. Abhängig von der Zahl der verfügbaren Lichtquellen oder Blitzlichter können Sie den Bildaufbau so gestalten, wie Sie möchten. Sie müssen allerdings unbedingt diffuses Licht einsetzen. Verwenden Sie beliebig viele Studioblitzgeräte mit einer Softbox oder ein Lichtzelt mit Lichtquellen oder Blitzgeräten. Mit weiteren lichtreflektierenden oder -absorbierende Materialien können Sie mehr oder weniger Licht erzeugen. Positionieren Sie die Lichtquellen an unterschiedlichen Stellen, um unerwünschte Reflektionen auf dem Uhrenglas zu vermeiden. Spielen Sie mit dem Licht, bis Sie das für Sie optimale Ergebnis erzielt haben. Ich habe anfangs mit einem Lichtzelt und zwei billigen Schreibtischlampen eines bekannten schwedischen Möbelhauses gearbeitet. Diese wurden dann durch preiswerte manuelle Blitzlichter ersetzt, um das Licht besser steuern zu können. Es gibt so viele verschiedene Einstellungen und Beleuchtungsarrangements, mit denen man experimentieren kann. Dabei ist ein komplizierter Aufbau nicht unbedingt auch ein besserer Aufbau.

Photo set-up - Watch Photography

Einsatz eines Studioblitzgeräts und mehrerer lichtreflektierender Objekte.

Für Veranstaltungen wie die Baselworld (und SIHH) habe ich die sogenannte „geheime Basel-Box” für Uhrenfotografie entwickelt. Im Grunde genommen ist es nur  ein einzelnes Blitzlicht in Kombination mit einem durchsichtigen Stoff. Damit können wir eine Uhr wie diese Girard-Perregaux Tri-Axial Tourbillon, die an einer Tischkante liegt, in weniger als einer Minute fotografieren.

Girard-Perregaux Triaxial Tourbillon - Watch Photography

9 – Makro und Nahaufnahme

Bei Makroaufnahmen von Uhren gehen Sie prinzipiell genauso vor, um optimale Aufnahmen zu erreichen. Lediglich die Accessoires sind andere. Bei dieser Art der Uhrenfotografie kommt es entscheidend darauf an, was Sie auf dem Foto sehen oder nicht sehen möchten. Entscheiden Sie, ob Details aus dem Randbereich eines Fotos ganz aus dem Foto verschwinden oder deutlicher zu sehen sein sollen. Achten Sie immer darauf, dass das wichtigste Bilddetail vollständig sichtbar ist. Geben Sie dem Foto genug „Spielraum”, um es ausreichend bearbeiten zu können. Verkleinern Sie die Brennweite oder nehmen Sie die Kamera weiter zurück, um diesen zusätzlichen Spielraum zu bekommen. Bei Makros ist man manchmal so dicht am Objekt, dass das Licht nicht mehr ausreicht. Verwenden Sie eine zusätzliche Lichtquelle und/oder einen oder mehrere Reflektoren, um die notwendige Lichtintensität bedarfsgerecht zu positionieren. Persönlich bevorzuge ich ein längeres Makro-Objektiv (100/105 mm) auf einer Vollbildkamera. Falls Ihnen solche Experimente zu kostspielig sind, können Sie auch Zwischenringe verwenden. Diese Ringe sind einigermaßen bezahlbar und für die gängigsten Kameras erhältlich. Durch den Einsatz eines oder mehrerer Zwischenringe kann die Mindestfokusentfernung des Objektivs verkürzt werden. Ihr Standardobjektiv kann dadurch näher heranzoomen und das Fotoobjekt entsprechend vergrößern.

Rolex Laser Etched Crown - Watch Photography

Die Grundlagen der Uhrenfotografie können Sie auch ohne den Einsatz teurer Hardware erlernen. Das oben abgebildete Detail wurde mit einer Standardkamera und einem 50 mm Objektiv aufgenommen. Die Mindesfokusentfernung dieses Objektivs wurde durch  Zwischenringe auf wenige Zentimeter verkürzt (siehe unten).

Using extension rings - Watch Photography

10 – Übung macht den Meister

Für die Uhrenfotografie braucht man viel Zeit, Geduld und Übung. Da kann man schon mal ohne Weiteres eine Stunde und mehr für das Arrangement aufwenden, bevor man überhaupt seine Kamera in die Hand nimmt und sich mit der richtigen Ausleuchtung befasst. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie erst nach fast 50 Fotos ansatzweise so etwas wie ein annehmbares Foto haben. Und dann fängt erst die Feineinstellung an. Die  kleinen müssen ins richtige Licht gerückt werden. Heben Sie bestimmte Details hervor und arbeiten Sie sukzessive auf ein Endresultat hin, dass dann durch den digitalen Feinschliff weiter optimiert wird. Irgendwann haben Sie diese Möglichkeiten ausgereizt und möchten in dem Metier weiterkommen. Dann kommen Dinge wie Focus Stacking (Schärfentiefe) und das Zusammenfügen mehrerer Bildern in einem Foto zum Tragen.

Grönefeld One Hertz using stacking - Watch Photography

Beispiel eines Fotos mit Stacking, die Grönefeld One Hertz Nocturne.

Rolex Yacht-Master Trickshot - Watch Photography

 

 

Beispiel eines Fotos, das aus mehreren separaten Fotos besteht, die mittels einer Software für digitale Fotobearbeitung zu einem Foto zusammengefügt wurden.

Dieser Artikel erschien erstmals im Februar 2015 auf Englisch.